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Der Lehrer, der Forscher, der Nazi
Die Rheinpfalz - Donnersberger Rundschau
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Datum: 08.04.2026
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Der Lehrer, der Forscher, der Nazi
Als Vater des Nordpfalzgymnasiums in Kirchheimbolanden und Gründer eines Instituts, das in dem Dorf Marienthal chemisch-physikalische Forschung betrieben hat, mag Karl Lothar Wolf (1901-1969) in Erinnerung sein. In seinem Buch „Zerrissene Wissenschaft“ beschreibt nun Frank Kuschel Wolfs Leben und gräbt tief in dessen Schattenseiten.
Von Thomas Behnke
Zuletzt Chemie-Professor in Halle, war Karl Lothar Wolf 1945 nach Kriegsende mit anderen Spezialisten vor dem Zugriff der Roten Armee in den Westen evakuiert worden. Zurück in Kirchheimbolanden, wo er in der Glaserstaße ein Haus hatte, wirkte er bald mit bei der Wiederbelebung des Progymnasium. Erst als Aushilfslehrer, ab 1950 als Studienrat und bald als Schulleiter, betrieb er dessen Ausbau zum modernen Vollgymnasium. Er prägte den bis heute gültigen Namen Nordpfalzgymnasium sowie langlebige Schultraditionen wie Schülertheater oder Vorträge namhafter Wissenschaftler. 1954 schied er aus dem Schuldienst aus.
In den Schulräumen hatte sich Wolf ein Labor eingerichtet. Es wurde zur Keimzelle seines Instituts für Physik und Chemie der Grenzflächen. Dessen Umzug 1958 nach Marienthal – in Räume in der Straße Am Donnersberg, in denen heute das Seniorenheim Haus Emma untergebracht ist – bescherte dem Dörfchen am Fuß des Donnersbergs den exklusiven Status eines Forschungsstandortes.
Problematische Vorgeschichte
Ältere Marienthaler erinnern sich vielleicht noch an den „Herrn Professor“, einen energisch wirkenden älteren Herr, der gern Lodenkleidung trug und nie ohne brennende Zigarette zu sehen war. 1962 wurde das Institut der Fraunhofer-Gesellschaft eingegliedert und 1969, nach Wolfs Tod, nach Stuttgart verlegt. Dort beschäftigt heute über 200 Mitarbeiter.
So weit, in grober Skizze, das Nordpfälzer Schlusskapitel der Biografie. Doch lässt die Tatsache, dass ein renommierter Professor nach Krieg und NS-Zeit als einfacher Schulmeister neu anfangen musste, eine problematische Vorgeschichte erahnen. Unter dem Titel „Zerrissene Wissenschaft: Der Physikochemiker Karl Lothar Wolf in der Chemie des 20. Jahrhunderts“ leuchtet Frank Kuschel, emeritierter Professor für physikalische Chemie in Halle und eng vertraut mit Wolfs früherer Wirkungsstätte, schonungslos in deren Untiefen.
Entworfen wird das Bild eines begabten, vielseitigen, aber ebenso rastlosen, streitbaren, bedenkenlos ehrgeizigen Menschen, der als Getriebener seines Karrierewillens sich auf die fatalen politischen Morgenröten seiner Zeit einließ: 1933 als junger Professor in Kiel der NSDAP beigetreten, machte er sich, mit 32 Jahren zum Rektor der Uni Kiel ernannt, dem neuen Geist dienstbar – Gleichschaltung und personelle Säuberungen sind prompte Wegmarken eines Umbaus zur „Stoßtruppuniversität“.
Doch Wolf scheiterte schnell mit manchem, was ihm die neu erworbene Macht in Aussicht gestellt hatte. Da ging es oft um Forderungen, die ihm sein geistiger Habitus eingab: die Reintegration von Natur- und Geisteswissenschaften, die Bildung einer philosophische Kernfakultät, ein prüfungsrelevanter Studiengang für Geschichte der Naturwissenschaften. Da ging es sicher auch um sein, so Kuschel, „eingeschränktes Gespür für den Grenzverlauf zwischen konstruktivem Diskurs und Rechthaberei“. In Kiel, wo er schon 1934 um seine Entpflichtung als Rektor bat, war offenbar viel Wut hereingebrochen über den „überaus streitsüchtigen Herrn Wolf“, so Amtsnachfolger Dahm.
Bezogen auf seine Nähe zur schillernden Dichterikone Stefan George – lebenslang ein Leitstern Wolfs – und dessen geistigen Elitarismus legte Dahm ihm zur Last, die „geistige Erneuerung des Volkes“ als „aristokratische Angelegenheit weniger auserlesener Geister“ zu betreiben. Er warf ihn Verunglimpfungen, „planmäßige“ Störung und „absolut universitätsfeindliches Verhalten“ vor. Wolfs Beziehung mit der Studentin Leiva Petersen, später Verlegerin seiner Schriften, bot den Auslöser für seine Strafversetzung 1936 nach Würzburg. Seine Parteiloyalität dürfte es nicht beeinträchtigt haben: 1936 trat er dem NS-Dozentenbund bei und verwies in Bewerbungen auf sein Parteiamt als „Zellenleiter“.
1937 wurde Wolf Direktor des Chemischen Instituts der Universität Halle. Als neue Facette kam nun kriegsrelevante Forschung hinzu. Schon vor Kriegsbeginn zögerte Wolf nicht, sich um Anerkennung der wehrwirtschaftlichen Bedeutung seiner Arbeit, etwa für die Herstellung synthetischer Schmiermittel, zu bemühen. Sie kam – und später sogar die Verleihung zweier „Kriegsverdienstkreuze“. Der Schwerpunkt trug dem Institut eine deutliche Ausweitung ein, die Einrichtung eines sogenannten Vierjahresplaninstituts für kriegsorientierte Forschung und Wolf rückte auf in die „Elite der NS-Rüstungsforschung“, so Kuschel.
Entnazifizierung 1946
Die Niederlage Hitler-Deutschlands hielt das nicht auf. Sie hatte für Wolf mit 90 weiteren Universitätsangehörigen die Evakuierung in die Westzone zur Folge. Mit der Entnazifizierung 1946 sah Wolf für sich rasch den Schlussstrich unter die zwölf Jahre gezogen. Die Kürzung seiner Bezüge um 30 Prozent für vier Jahre wertet Kuschel als „vergleichsweise milde“ Strafe. Dass Wolf sich unbelastet sah und sich als in der NS-Zeit bedroht oder verfolgt beschrieb, bemerkt Kuschel „lückenhafte Selbsteinschätzung“ und ein „problematisches Verhältnis zur eigenen Biografie“.
Gleichwohl zollt Kuschel dem Fachkollegen und dem Ertrag einer „geradezu obsessiven Arbeitsintensität“ Respekt. Er bespricht dessen umfangreiche Forschungen an Grenzflächen und an Ordnungszuständen in Flüssigkeiten, seine reiche Publikationstätigkeit, voluminöse Werke wie seine „Theoretische Chemie“ (1941), die bis 1959 vier Auflagen erreichte. Ausführlich diskutiert er Wolfs Versuche, Naturwissenschaft in interdisziplinärem Blick philosophisch zu durchdringen und anzuleiten mit Hilfe des Gestaltbegriffes und aus der Blickrichtung der Morphologie Goethes.
Die Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes ist eine der Leistungen, mit der Wolf auch außerhalb seines Fachs Anerkennung gefunden hat. Freilich, als Anleitung der Forschungspraxis sieht Kuschel Wolfs philosophischen Fokus als Sackgasse. Nicht zuletzt folgte Wolf einem national-konservativen Geist, der sich bald nach der Jahrhundertwende in Reaktion auf die Umbrüche infolge der Relativitäts- wie der Quantentheorie gegen den „internationalen Positivismus“ der westlichen Welt wandte, gegen die Überhöhung Einsteins, gegen „seelenlosen Mechanismus“ in der Forschung, und für eine eigene „deutsche“ Wissenschaftskultur eintrat.
Kuschels Buch ist in einem Fachverlag für Wissenschaftsgeschichte erschienen und sicher vorrangig für Fachkollegen geschrieben. Es ist gut lesbar, aufwendig gestaltet und mit aussagefähigen Dokumenten und Selbstzeugnissen Wolfs versehen. Auch Schülern und Kollegen in Wolfs Umfeld widmet es sich. Fokussiert auf ein Forscherleben in seinen institutionellen Bezügen lässt es den Privatmann Wolf, der Vater von acht Kindern war und einen eigenwilligen Lebensstil pflegte, weitgehend außer Betracht. Der 88-jährige Kuschel, der, wie er erzählt, als junger Chemiker Wolf noch Anfang der 60er Jahre bei Vorträgen in Halle erlebt hat, räumt im Gespräch zudem ein, dass er die nordpfälzischen Schauplätze nicht selbst habe besuchen oder hiesige Quellen habe nutzen können.
LesezeichenFrank Kuschel: Zerrissene Wissenschaft. Der Physikochemiker Karl Lothar Wolf (1901-1969) in der Chemie des 20. Jahrhunderts“. GNT-Verlag Berlin, 184 Seiten, 34,80 Euro.
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